Was wir von Corona lernen können

Als Koordinatorin der Hospizbewegung beschäftige ich mich in meinem Berufsalltag intensiv mit Fragen rund um Sterben, Tod und Trauer:

  • Wie begleiten wir Menschen bestmöglich am Ende ihres Lebensweges?
  • Welche Möglichkeiten können wir anbieten, um Patienten und ihren Angehörigen in ihrer Sorge, in ihren abwechselnden Gefühlen von Angst, Unsicherheit, aber auch gemeinsamer Freude und Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit beizustehen?
  • Wie unterstützen wir in der Zeit das Abschiedes, sodass Ungesagtes noch zur Sprache kommen kann? Denn sowohl der Mensch, der weggehen muss, als auch die, die zurückbleiben werden, brauchen diesen guten Abschied, damit das Sterben und die Trauer danach „gut gehen“ und ihren normalen Verlauf nehmen kann.
  • Wie bringen wir Menschen dazu, die für ihre Situation bestmögliche palliative Betreuung anzunehmen und nicht aus Angst vor dem Wort „Hospiz“ oder „palliativ“ zurückzuschrecken, sodass sie sich viel zu spät bei uns melden und viel unnötiges Leiden davor auf sich nehmen?

Im vergangenen Jahr trat durch die Coronakrise sehr deutlich hervor, wie unsere Gesellschaft mit Sterbenden und dem Sterben allgemein umgeht. Viel zu viele Menschen mussten alleine sterben und es wurde zwar intensiv auf den Schutz vor Corona geachtet, nicht aber auf die psychische Verfassung und den Verfall von Menschen, die zu Untätigkeit und Einsamkeit verurteilt waren. Dadurch, dass wir verdrängen, dass wir irgendwann einmal sterben werden (und dass das auch recht schnell gehen kann), beschäftigen wir uns auch nicht damit, wie wir uns darauf vorbereiten können.

Die Corona-Pandemie führt uns drastisch vor Augen, dass wir verlernt haben mit unserer Sterblichkeit zu leben, sie in unser Leben zu integrieren und das Beste daraus zu machen. Wir, und allzu oft auch unser Gesundheitssystem, betrachten die Tatsache, dass wir sterben müssen, als persönliches Versagen. Wir machen uns vor, dass wir Krankheit und Tod ausrotten können.

Unsere Hospizbegleiterinnen und unser professionelles mobiles Palliativteam sind ein Gegenmodell zu diesem gesellschaftlichen Trend. Sie haben das Wissen und die Erfahrung, wie Menschen in dieser schwierigen Lebensphase bestmöglich zu begleiten sind. Sie können zuhören, Rat geben, den Schmerz und die Unsicherheit aushalten. Sie bringen aber auch Freude, Ablenkung und sehr oft auch gemeinsames Lachen in den Alltag unserer Patienten und deren Angehöriger.

Und sie wissen, dass das Sterben ein ganz wichtiger Teil des Lebens ist, den man genauso bestmöglich aktiv gestalten kann so wie den Rest seines Lebens auch. Dann bedeutet „menschenwürdiges Sterben“ nicht mehr, dass man seinem Leben von einer professionellen Organisation zum scheinbar „richtigen“ Zeitpunkt ein Ende setzen lässt, sondern dass man sein Leben bis zu seinem natürlichen Ende bestmöglich mit Hilfe der palliativen Betreuung selbstbestimmt und vorausplanend gestaltet.

Zum Abschluss seien hier die bekannten Worte der Gründerin der Hospizbewegung , Cicely Saunders zitiert: „Es kommt nicht darauf an, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.“

Birgitta Gmeiner, Koordinatorin Hospizbewegung Baden